Die meinen das ernst: Forderungen der Arbeitgeber liegen auf dem Tisch
Auf neun Seiten legt der Arbeitgeberverband seine Forderungen zur diesjährigen Tarifrunde dar:
Sie wollen „modernisieren“ und „Tarifflucht“ vermeiden, daher wollen sie „zahlreiche Regelungen… nicht mehr aufrecht erhalten“. Im Ergebnis wollen sie
1 Befristete Arbeitsverhältnisse bis zu sechs Mal „sachgrundlos“ verlängern können und dies zukünftig für die Dauer von vier statt bisher zwei Jahren.
2 Die Niedriglohngruppen A und B auf zahlreiche weitere Tätigkeiten ausweiten und so das Entgeltniveau in der Versicherungswirtschaft weiter absenken.
3 „… für eine leistungsgerechte Vergütung der Mitarbeiter auch im Innendienst…“ sorgen. Per Betriebsvereinbarung sollen die Sonderzahlungen vollständig in Abhängigkeit von Leistung und Erfolg des Angestellten und/oder des Unternehmens variabel gezahlt werden.
4 „… die Regelungen zur Samstagsarbeit weiter öffnen.“ Es soll Schluss damit sein, „dass ein Betriebsrat auch ohne Argument… durch eine bloße Verweigerungshaltung die Samstagsarbeit verhindern kann.“ Insbesondere in den Kundenservicecentern wollen sie den Samstag „zu einem regelmäßigen Werktag“ machen.
5 „… fast ein Fünftel aller Kolleginnen und Kollegen - nämlich die übertariflich bezahlten Angestellten - aus dem Geltungsbereich des Tarifvertrags ausschließen. Nicht zuletzt mit der Begründung, „dass in dem betreffenden Mitarbeiterbereich nur ein sehr geringer Grad an gewerkschaftlicher Organisation besteht.“
6 „… Heilig Abend und Silvester zu regelmäßigen Arbeitstagen für neueingestellte Angestellte machen. Angesichts des Wettbewerbsdrucks seien „der freie 24. und 31. Dezember“ im Flächentarifvertrag nicht aufrecht zu erhalten“.
Damit nicht genug: Unter dem Stichwort „technische Anpassungen“ wollen die Arbeitgeber quasi im Vorbeigehen
die Zahlung der Wechselschichtzulagen einschränken,
den Sonderkündigungsschutz für ältere Angestellte ersatzlos streichen
und die Möglichkeit der Arbeitszeitverlängerung (Korridor) verlängern.
Ich glaub, ich bin im falschen Film! Während der ersten Verhandlung hat Beate den Arbeitgebern sehr deutlich mitgeteilt, dass wir uns in einer Entgeltrunde befinden, dass wir tarifvertragliche Regelungen zum Gesundheits- und Belastungsschutz brauchen, einen Rechtsanspruch auf Altersteilzeit und Regelungen zu Ausbildungszahlen und Übernahme. Der Manteltarifvertrag ist kein Thema… und Verschlechterungen schon gar nicht.
Kaum zu glauben
Ich kann mir gar nicht vorstellen, dass die Arbeitgeber selbst glauben, was sie uns gerade vorgetragen haben. Ich zitiere:
„Die wirtschaftliche Situation der Versicherungswirtschaft ist - genau betrachtet - dramatisch schlecht.“
„Der Spielraum für Gehaltserhöhungen liegt zwischen 0,02 und 0,5 Prozent“
„Das Thema Gesundheitsschutz gehört nicht in einen Tarifvertrag, weil das ja auch ein Problem der persönlichen Lebensführung ist.“
„Auf der Basis der ver.di-Forderungen gibt es keine Möglichkeit der Einigung.“
Damit nicht genug: Sie kündigen für die nächste Verhandlung am 5. Mai in Hamburg massive Forderungen zur Verschlechterung des Manteltarifvertrages an. Offensichtlich ist der ganze Katalog wieder dabei, Ausweitung des Niedriglohnbereiches, Variabilisierung der Sonderzahlungen sowie Ausweitung der Samstagsarbeit usw. usf.
Hierzu haben sie uns für die nächsten Tage einen Brief angekündigt. Sobald ich mehr weiß, melde ich mich wieder.
Gleich geht's los!
Gleich um 14 Uhr beginnt die erste Tarifverhandlung für 160.000 Innendienstangestellte der Versicherungswirtschaft.
In der Verhandlungskommission haben wir uns in den letzten Tagen noch einmal intensiv mit der wirtschaftlichen Lage der Versicherungswirtschaft befasst. ERGEBNIS: Die schwimmen in Geld!!! Jetzt ist die Zeit für kräftige Gehaltssteigerungen. Außerdem muss Schluss sein mit Arbeitsmengen und -druck, die krank machen.
Die Argumente sind auf unserer Seite. Wir sind gespannt.
Heute abend melde ich mich und berichte direkt aus den Verhandlungen.
Tarifrunde 2011 für Versicherer beginnt
Nach einiger Zeit – die letzte aktive Tarifrunde liegt fast vier Jahre zurück – melde ich mich wieder zu Wort. Am 29. März starten in Wiesbaden die Tarifverhandlungen 2011 für die Kolleginnen und Kollegen im Privaten Versicherungsgewerbe. ver.di fordert sechs Prozent mehr Gehalt – mindestens aber eine monatliche Erhöhung um 150 Euro. Die Preise sind angestiegen und die Arbeitsproduktivität hat zugenommen, ohne dass den Arbeitnehmern dafür ein angemessener Ausgleich gezahlt wurde. Diesmal muss der Aufschwung bei den Beschäftigten ankommen!
Den Jugendlichen soll nicht nur ein Praktikantenjob geboten werden. Die Arbeitgeber sollen sich verpflichten, so ver.di, mehr Ausbildungsplätze anzubieten und denjenigen, die ihre Ausbildung abschließen, ein unbefristetes Arbeitsangebot machen. Die Vergütung der Azubis soll wie bei den Gehältern um sechs Prozent angehoben werden.
Neben Geld und Arbeitsplatzsicherheit ist Gesundheit das wichtige Thema dieser Tarifrunde. Dazu fordert ver.di eine verbindliche Verpflichtung der Arbeitgeber, bis zur nächsten Tarifrunde 2012 überprüfbare Umsetzungspläne zu erarbeiten. Ziel: Überbeanspruchungen und Fehlbelastungen müssen endlich auf ein menschliches Maß reduziert werden.
Wer bisher glaubte, Arbeit in der Versicherung sei ein gemütlicher Job am Bürotisch weiß noch nichts von Arbeits- und Erledigungsdruck, Zielvorgaben, Personalabbau und ständige Umstrukturierungen. Arbeitsverdichtung bis an die Grenze des Erträglichen forciert den mentalen Verschleiß. Psychische Erkrankungen nehmen beunruhigend zu. Immer mehr glauben, dass sie bei diesem Arbeitstempo nicht mehr bis zum Rentenalter durchhalten können. Doch: Arbeit darf nicht Krankmachen!
Am 29. März können die Arbeitgeber zeigen, ob sie ihre Beschäftigten wertschätzen oder nicht.
Katze aus dem Sack!
Genossenschaftsbanken wollen massive Verschlechterungen!
In einem Interview mit der Zeitschrift Geno-Graph bekennt Axel Lekies, Verhandlungsführer des AVR, des Arbeitgeberverbandes der Volks- und Raiffeisenbanken, Farbe. Er verkündet die Verschlechterung der Bezahlung der Beschäftigten in den Marktfolge- oder Marktservice-Einheiten als Ziel. Darüber hinaus will er die Schutzmechanismen für über 50-jährige im Tarifvertrag schleifen! Die Erfüllungsgehilfen des AVR stehen bereit! DBV und DHV sind – nach eigener Aussage(!) – bereit, über diese Punkte zu beraten! Und das ohne mit Ihnen, den Beschäftigten der Genossenschaftsbanken, Rücksprache zu nehmen! Hinter Ihrem Rücken soll der Tarifvertrag erneut deutlich verschlechtert werden! Wenn Sie sich den Schutz eines fairen und angemessenen Tarifvertrages sichern wollen, werden Sie ver.di-Mitglied! Bereits am 30. September will der AVR den neuen Tarifvertrag unterzeichnen!
Abgruppierungen in der Marktfolge geplant!
In dem Interview erklärt Lekies: „…ist zur Kenntnis zu nehmen, dass in der Produktionsbank zunehmend einfache, standardisierte Tätigkeiten ohne eigene Entscheidungskompetenz ausgeführt werden, bei denen auch ein Erfahrungszuwachs keine bedeutende Rolle mehr spielt. Die Preise, die der Bankentarif für diese Tätigkeiten heute vorsieht, haben sich deutlich vom Markt entfernt. … Wir arbeiten daran, die Arbeitsbedingungen in der Produktionsbank markt- und wettbewerbsfähig zu machen…“
Was das aus Sicht der Arbeitgeber bedeutet, ist aus verschiedenen Beispielen klar: Die Beschäftigten der Service-Zentren der Volksbank Paderborn-Höxter-Detmold, der VR Bank Westmünsterland und der Berliner Volksbank mussten bereits deutliche Verschlechterungen ihrer Einkommenssituation hinnehmen.
Verschlechterungen beim Schutz für Ältere
Aber leider nicht genug! Beschäftigte mit einem Alter von über 50 Jahren haben bisher in dem Manteltarifvertrag des genossenschaftlichen Bankgewerbes einen Schutz gegen Abgruppierungen. Sie genießen darüber hinaus einen Schutz vor betriebsbedingten Kündigungen. Diese Schutzbestimmungen wurden vor vielen Jahren eingeführt, weil Ältere kaum Chancen auf einen neuen Arbeitsplatz haben, wenn sie gekündigt werden, oder wegen einer verschlechterten Bezahlung den Arbeitgeber wechseln wollen! Mit dem Hinweis auf die Demografie, der Vielzahl der Beschäftigten über 50 Jahren, will der AVR von Herrn Lekies nun diese angebliche Bevorzugung schleifen! Dabei ist klar: Ein 50-Jähriger ist auch heute auf dem Arbeitsmarkt ohne Chancen!
Die willigen Helfer des AVR
Und das Schlimmste: der AVR hat Helfer gefunden, die sich willig vor den Karren spannen lassen! DBV und DHV stehen erneut bereit, massive Verschlechterungen zu Lasten der Beschäftigten in einen Tarifvertrag zu schreiben. Wir zitieren aus einer Information auf den Internetseiten des DBV: „Der DBV ist bereit, über Änderungen zu verhandeln…“ Wenige Zeilen vorher heißt es zur Erklärung: „Denn die Arbeitgeberseite hat eine Mitarbeitergruppe entdeckt, die nicht mehr in den heutigen Tarif passt…“ (Sie wollen das nachlesen: http://www.dbv-gewerkschaft.de/fileadmin/userupload/pdf/TarifinfoDBVGeno100910-02.pdf) Auf den Konjunktiv verzichten die Autoren! Akzeptieren sie also die Aussage des AVR? Wir befürchten, ja!
Erinnern Sie sich: Bereits 2008 hat der Tarifabschluss des AVR mit seinen Helfern die Variabilisierung der Gehälter in einer Höhe bis zu 14 % des Jahresgehaltes ermöglicht! Nach diesem Tarifabschluss können Ihnen zunächst fast zwei Monatsgehälter im Jahr abgezogen werden. Diese Gehälter, oder einen entsprechenden Bonus, erhalten Sie nur dann nachgezahlt, wenn Sie die vorgegebenen Ziele erfüllt oder übererfüllt haben!
Sie müssen sich schützen!
Denken Sie daran: ver.di hat einen gültigen, ungekündigten Manteltarifvertrag. Dieser Manteltarifvertrag schützt Ältere und regelt die Eingruppierung! Dieser MTV gilt für Sie allerdings nur, wenn Sie nachweisen können, dass Sie ver.di-Mitglied sind! Wenn Sie Ihre Arbeitsbedingungen sichern und erhalten wollen, dann machen Sie uns – ver.di – stärker. Werden Sie Mitglied bei ver.di und beteiligen Sie sich an unseren Aktionen. Zeigen Sie auch Ihrem Arbeitgeber: Bis hierhin und keinen Schritt weiter! Leider funktioniert Tarifpolitik meist nicht wie eine Versicherung. Sie bezahlen Geld und bekommen Schutz vor Schaden. Im Tarifgeschäft müssen Sie auch mittun. Denn das Tarifgeschehen ist halt auch eine Machtfrage.
Nur wenn die Vorstände der Genossenschaftsbanken erkennen, dass der Ärger in der eigenen Bank zu groß wird, dann werden sie auch die Interessen der Beschäftigten zur Kenntnis nehmen müssen.
Und denken Sie daran:
Bereits am 30. September will der AVR seinen neuen Tarifvertrag unterschreiben.
Also: tun wir es gemeinsam! Sichern wir die Arbeitsbedingungen bei den Genossenschaftsbanken!





